Author:
Calmet, Augustinus
Untitled 3
1. Die Menge derer, die über die Erscheinungen der Engel, der Teufel, und der
vom Leib geschiedenen Seelen geschrieben haben, ist mir nicht ganz unbekannt.
Ich maße mir auch kein solches Wissen an, daß ich mir einbilden sollte, ich
werde in der Sache besser auslangen als sie; sondern sehe vielmehr voraus: Ich
werde mich der Beschnarchung und Tadelung, oder wohl gar dem Gelächter und
Gespött vieler Leser dieses Werkes aussetzen, weil sie das, was darin verhandelt
wird, für etwas schon Abgedroschenes, und eine sowohl bei Naturkundlern,
Gelehrten, als auch Theologen verschrieene und verworfene Sache ansehen werden.
Ich kann auch mit dem Beifall des gewöhnlichen Volkes nicht rechnen, weil jenes
aus Mangel der Erkenntnis in solchen Sachen kein rechtmäßiger Richter sein kann.
2. Meine Absicht ist auch nicht, den Aberglauben, und eitlen Vorwitz jener
Traumseher zu nähren, welche alles, was man ihnen erzählt, wenn es ihnen nur
seltsam vorkommt, gleich für ein Wunder und übernatürlich ansehen; sondern ich
schreibe nur für vernünftige und bescheidene Gemüter, welche sich von keiner
argwöhnischen Meinung einnehmen lassen, alles reiflich und nicht hitzig
untersuchen, überlegen, und der befundenen Wahrheit vernünftig beipflichten,
über das Ungewisse hingegen vernünftig zweifeln, und ihr Urteil darüber
zurückhalten, dem offenbar Falschen aber mutig widersprechen und es verwerfen.
3. Die eingebildeten Klugen, welche, um ihren vermeinten Witz zu spiegeln, und
über den allgemeinen Verstand anderer Menschen hervorzuschimmern, alles
verwerfen, lasse ich im Gewölk ihrer Hochmut - sie können über mein Werk nach
ihrem Gefallen urteilen. Und gleichwie es nicht für sie geschrieben ist, so
werden sie sich vielleicht nicht einmal die Mühe geben, jenes zu lesen. Ich habe
es zu meinem eigenen Unterricht unternommen, um von all dem, was man von der
Erscheinung der Engel, der Teufel und der abgeleibten Seelen sagt, selbst eine
rechte Erkenntnis erlangen, und erkunden zu können, wie weit sich das Gewisse
und Ungewisse, das Wahre und Falsche, das Bekannte und Verborgene, das Klare und
Dunkle, in dieser Materie erstreckt.
4. Unter der Menge der Geschichten, die ich anführe, habe ich mich nur
auserlesene zu sammeln beflissen; aus Furcht, wenn ich gar zu viele anführte;
möchte ich damit gar nichts beweisen, und so könnten die zweifelhaften den
wahrhaften nachteilig sein. Vielleicht werden auch sogar unter den angeführten
solche sein, die bei vielen keinen Glauben finden; und von diesen mag ich wohl
gestatten, daß man sie ansehe, als wenn sie gar nicht im Buch enthalten wären.
Nur bitte ich den Leser, zwischen den Geschichten und den Beispielen einen
Unterschied zu machen; später kann er jene entweder mit mir für wahrhaft halten,
oder verwerfen, oder aber darüber in Zweifel bleiben.
5. Jedoch habe ich es in Erachtung des Respekts,
den jedermann der Wahrheit schuldig ist, und der Ehrerbietigkeit, die jeder
Christ und Priester gegen die Religion tragen soll, für etwas Wichtiges und
Notwendiges gehalten, daß man das Volk über die Materie von den Erscheinungen
unterrichten, und denen, die alles ohne Unterschied glauben, ihren Selbstbetrug
aufdecken, denjenigen hingegen, die alles ohne Unterschied verwerfen, beweisen
wolle, daß gar viele solcher Erscheinungen wahrhaft seien. Denn in Sachen,
welche die Religion betreffen, ist es jederzeit gefährlich, wenn man entweder
gar zu leichtgläubig ist, oder Sachen, die begründet sind, unangemessen
widerspricht, oder wissentlich darüber in Zweifel bleibt, oder sich ohne
Vernunft vom Aberglauben blenden läßt. Hingegen ist es schon für etwas Großes
anzusehen, wenn man vernünftig zu zweifeln weiß, und gelernt hat, daß man sein
Urteil nicht über seine Erkenntnis hinaus erstrecken solle.
6. Mein Vorhaben war niemals, ausführlich von den
Erscheinungen zu handeln; sondern es ist bloß nebenher, und aus Anlaß der
ungarischen Vampire geschehen, daß ich an diese Sache gekommen bin; und als ich
Material dazu sammelte, fand sich vieles darunter, welches die Erscheinungen
betraf, und die Geschichte der Vampire verworren machte. Darum dann habe ich
einen großen Teil derselben ausgesondert, und diese Verhandlung von den
Erscheinungen geschrieben; und es sind auch noch viele in jener begriffen, die
ich ebenso hätte davon kürzen, auslassen, und dem Werk dadurch eine bessere
Ordnung geben können. Jedoch haben viele Leute, welche die erste Auflage dieses
Werkes gelesen haben, das Zugewandte von den Erscheinungen für das Hauptwerk
gehalten, und mehr auf den ersten Teil gesehen, als auf den zweiten, wo doch
dieser mein Hauptvorhaben war. Denn ich muß gestehen, daß die Erzählung von den
Vampiren von Ungarn, Mähren, und Polen, von den Brucolaken in Griechenland, und
den dortigen Exkommunizierten, welche nach dem Tode, der Sage nach, nicht
verwesen sollen, mich in nicht geringe Verwunderung gezogen, und dahin bewegt
hat, daß ich für notwendig erachtete, diese Sache etwas genauer zu untersuchen.
Nachdem ich aber alles wohl erwogen hatte, fand ich daran wenig Begründetes und
Gewisses. Und nachdem ich auch die Meinung einiger verständiger und angesehener
Personen darüber vernommen hatte, gedachte ich gar von meinem Vorhaben Abstand
zu nehmen, und nichts von einer Sache, die so vielen Widerspruch erleidet, zu
schreiben. Als ich jene jedoch von einer anderen Seite betrachtete, ergriff ich
die Feder wieder von neuem, und beschloß, zumindest der Welt insoweit damit zu
dienen, um jener, wenn ich alles, was man davon angibt, gänzlich falsch fände,
den Irrwahn darüber zu nehmen, und zu zeigen, daß alles ungewiss sei; und man
daher in seinem Urteil über das, was vor einiger Zeit von den Vampiren gesagt
worden ist, über welches die Meinungen sogar in Ungarn selbst nicht einig sind,
sehr behutsam sein müsse, oder aber, um zu beweisen, daß das, was man davon
berichtet, und so viel Gerede in der Welt veranlaßt hat, seine
Wahrscheinlichkeit habe, und würdig sei, daß man die Geschichten, welche davon
offenbar gemacht worden sind, mit Ernst untersuche, und die Ursachen, Umstände
und Mittel derselben zu ergründen trachte.
Demnach werde ich dann jene als ein
Geschichtsschreiber, als ein Naturkundler, und als ein Theologe verhandeln.
Als ein Geschichtsschreiber werde ich die Wahrheit
dessen, was davon berichtet worden ist, ergründen, als ein Naturkundler dessen
Ursachen und Umstände erkundigen, sodann aus den Regeln der Theologen zeigen,
was man in Ansehung der Religion daraus zu schließen habe. Ich schreibe daher
nicht in der Absicht oder Hoffnung, jene eingebildeten Klugen, welche glauben,
ihr Witz übersteige den Verstand aller übrigen Menschen, noch auch die heutigen
Pyrrhonisten, welche an allen Sachen zweifeln, und daher gar nicht glauben, daß
es jemals Vampire, welche sich nach dem Tode wieder gezeigt, oder andere
Erscheinungen der Engel, der Teufel, und abgeleibten Seelen gegeben habe, von
der Wahrheit der Sache zu überzeugen, noch auch die Einfältigen und
Leichtgläubigen durch die Erzählung außerordentlicher Erscheinungen zu
erschrecken. Noch weniger hoffe ich, den Abergläubischen ihren Irrtum zu nehmen,
und die angewöhnten Meinungen des gewöhnlichen Volkes damit zu vernichten, oder
auch nur den Mißbräuchen entgegenzusteuern, die teils aus der Leichtgläubigkeit,
teils aus der allzu übertriebenen Zweifelhaftigkeit entspringen.
Ferner gedenke ich gar nicht, mich zum Richter
oder Beschnarcher derer, die schon von solchen Dingen geschrieben haben,
aufzuwerfen, oder mir einen Namen oder Vorzug über andere zu erwerben. Noch
weniger gedenke ich, nur zur Lust oder Kurzweil über solche Zweifel zu antworten,
welche die Religion betreffen, und woraus man schädliche Schlußfolgerungen wider
die Wahrheit der göttlichen Schrift, und unbeweglicher Artikel unseres Glaubens
ziehen könnte; sondern ich werde alles seiner Wichtigkeit nach gründlich, und
mit Ernst behandeln, und bitte Gott nur um das notwendige Licht, daß ich es mit
Nutzen leisten möge.
7. Vor allem bitte ich den Leser, einen
Unterschied zu machen zwischen den Geschichten an sich selbst, die in diesem
Werk erzählt werden, und zwischen der Art und Weise, wie sie geschehen sind.
Denn eine Geschichte kann gewiß sein, obschon die Art und Weise, mit welcher sie
geschieht, sehr zweifelhaft ist. Die göttliche Schrift nämlich berichtet uns von
Erscheinungen der Engel, der Teufel, und der abgeleibten Seelen; und diese
Beispiele sind gewiß, weil sie auf die Offenbarung der heiligen Bücher der Bibel
gegründet sind; doch ist die Art und Weise, mit welcher Gott solche
Auferstehungen bewirkt, und dergleichen Erscheinungen hat geschehen lassen,
etwas Verborgenes und Unbekanntes. Es ist uns erlaubt, die Umstände derselben zu
untersuchen, und unsere Mutmaßung darüber zu erklären. Einen förmlichen Spruch
aber über etwas zu geben, das Gott geheim hat haben wollen, wäre eine
Vermessenheit. Ein Gleiches sage ich auch von den Geschichten, welche von
verständigen Schreibern berichtet worden sind, welche zur Zeit gelebt haben, und
bloß allein die Geschichte darlegen, die Umstände derselben aber, die sie
vielleicht selbst nicht gewußt haben, nicht untersuchen.
8. Man hat mir wirklich vorgeworfen, um die
Erscheinungen der Geister zu beweisen, berufe ich mich auf die alten Poeten, und
andere Autoren, die schlechten Glauben verdienen, und so dergleichen
Erscheinungen eher zweifelhaft machen als sie zu bestätigen.